Naturschutzgebiet: Vorfahrt für den Straßenbau?

20. November 2022
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Schulzendorf. Der Landkreises Dahme-Spreewald hat die Machbarkeit einer Umfahrung des Altdorfs geprüft. Sie soll die Ernst-Thälmann-Straße mit der Landstraße L400 und der geplanten Ortsumfahrung (OU) Waltersdorf verbinden. Damit soll der Verkehr so verändert werden, dass er „größtenteils außerhalb der bebauten Gebiete mit höherer Geschwindigkeit verläuft.“, heißt es in der Expertise.

Flutgrabenaue Waltersdorf

Notwendig wird das Vorhaben, weil Verkehrsprognosen von einer massiven Zunahme des Motorisierungsgrades, einer steigenden Einwohnerzahl im „Speckgürtel“ von Berlin und Gebietsentwicklungen rund um den BER ausgehen.

Die 3 Varianten der Straßenführung

Drei Linienführungen wurden in der Studie betrachtet. Allen ist eins gemeinsam: Sie verlaufen durch das Naturschutzgebiet (NSG) „Flutgrabenaue Waltersdorf“ und zusätzlich geschützte Biotope an seinen Grenzen.

Dammbauwerg (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

Dammbauwerg (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

Für den Straßenabschnitt, der durch das NSG verläuft, wird ein Dammbauwerk mit Durchlässen favorisiert. Andere Varianten, wie eine Pfahlbauweise (Brücke) oder eine ebenerdige Führung, bewerten die Sachverständigen als unwirtschaftlich bzw. als zu starke Beeinträchtigung des NSG.

Diese Straßenführungen stehen zur Wahl:

In Variante 1 verbindet sich die OU Schulzendorf von der Kreuzung K6161, Dorfstraße/Miersdorfer Straße mit der Landstraße L 400 durch zwei Kreuzungen bzw. Kreisverkehre an die geplanten OU Waltersdorf. In Variante 2 erfolgt die Verbindung durch einen Kreisverkehr. Variante 3 verbindet die OU Schulzendorf von der Kreuzung K6161/Freiligrathstraße mit der Schulzendorfer Straße. Sie würde durch das Areal führen, das die Schulzendorfer GroKo als Natur- und Gewerbepark im Auge hat.

Variante 1 (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

Variante 1 (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

 

Variante 2 (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

Variante 2 (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

 

Variante 3 (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

Variante 3 (Darstellung: Landkreis Dahme-Spreewald)

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Mehr Fragezeichen als Ausrufezeichen

Das Naturschutzgebiet ist einer der letzten zusammenhängenden und unzerschnittenen Räume wertvollster Kulturlandschaft in unserer Region. Der Bau der Ortsumfahrung ist mit den Schutzzielen der Verordnung nicht vereinbar.“, resümiert das NABU-Vorstandsmitglied in Dahme-Spreewald, Juliane Bauer.

Grundsätzlich sind Baumaßnahmen in einem NSG ausgeschlossen. Nur wenn zwingende Gründe des öffentlichen Interesses für das Zerschneiden des NSG durch eine Straße vorliegen, wäre eine naturschutzrechtliche Ausnahmeregelung denkbar.

Zudem sind die baulichen Risken gravierend, besonders was den Baugrund betrifft. Wegen der zu erwartenden Niedermoortorfe könnten die Baumaßnahmen ausufern und zu weiteren Beeinträchtigungen des NSG führen, heißt es in der Machbarkeitsstudie.

Welche Kosten für ein Dammbauwerk anfallen, kann erst nach einer weiteren Untersuchung geschätzt werden. In der Studie ist von 30 Millionen Euro für den Straßenbau auf Pfählen die Rede.

Vieles bei dem Vorhaben ist derzeit noch völlig verschwommen. Nur eins steht fest: Ob das Straßenprojekt im NSG wirklich im öffentlichen Interesse liegt, darüber wird künftig kräftig gestritten werden.

3 Responses to Naturschutzgebiet: Vorfahrt für den Straßenbau?

  1. BewohneR
    22. November 2022 at 15:10

    Liebe Redaktion,

    schön, dass mit diesem Artikel Probleme aufgriffen werden, die gelöst werden müssen.

    Die Gemeinden im Speckgürtel werden weiter wachsen, auch wenn dank der Zinsen und Preise vielleicht nicht mehr so schnell. Da die meistern weiterhin nach Berlin zu Arbeit fahren (müssen), wächst auch der Verkehr.

    Das Straßennetz muss dringend ausgebaut werden, weil die Dorfstraße für die Menge des Verkehrs nicht geeignet ist. Gerade in den beiden engen Kurvenbereichen, wo mir die direkten Anwohner leid tun. Auch fehlt es an sicheren Möglichkeiten, die Straße zu überqueren.

    Natürlich wäre es auch schön, wenn der ÖPNV noch besser ausgebaut wäre, weil man dann tatsächlich das Auto öfter stehen lassen könnte.

    @Theresa: Ich sehe jeden Morgen im Bereich der Dorfstraße (spielende) Kinder auf ihrem Weg zur Schule. Es wäre fatal, wenn diese dem Naturschutz zum Opfer fallen würden.

  2. B. Hartenstein
    22. November 2022 at 11:27

    Wer da glaubt, dass Schulzendorf ein Ort bleibt mit romantisch-dörflichen Charakter, kann nur ein Utopist oder Idealist sein. Das reale Leben rings um Schulzendorf herum holt uns mit großen Schritten ein. Vor einigen Tagen gab es in der Berliner Morgenpost eine große Ranking-Liste über ALLE Gemeinden im unmittelbaren Speckgürtel. Schulzendorf war auch dabei. Hier wurden verschiedene Kriterien, wie EW-Menge durch Zuzug, Wohnqualität, preisliche Dimension usw. analysiert. Alle Ergebnisse habe ich nicht mehr im Kopf. Aber zusammenfassend hat Schulzendorf nicht schlecht abgeschnitten, auf jeden Fall im oberen Drittel. Was sagt uns das ? Wir sind kein “weißer Fleck ” mehr auf der Landkarte und wahrscheinlich werden sich viele Menschen zukünftig für uns hier interessieren. Und sollten die Grünen tatsächlich das Rote Rathaus erobern und Berlin endgültig zum Klein-Kleckersdorf machen, wird es auch sicher viele Umzüge von Berlin raus geben.
    Also, es heißt umdenken. Ob gut oder schlecht wird nicht mehr die Frage sein. Die nackte Realität wird uns einholen.
    Ich denke, wir werden in der Zukunft in Schulzendorf das Aussehen wie z.B. Rudow oder Buckow haben. Und auch der Verkehr wird sich ändern. Darum halte ich es für unbedingt wichtig, die verkehrspolitische Infrastruktur diesen Bedingungen anzugleichen. Dazu gehört auch eine Umgehungs-Strasse des Dorfkerns von Schulzendorf und Waltersdorf. Vielleicht sogar eine weitere Autobahnzufahrt. Und – auf jeden Fall!! – die Verbesserung und effektive Erweiterung des ÖVNP.
    Ja, Füchse und Rehe finde ich auch wunderbar. Aber sie passen sich an neue Bedingungen schneller an als Menschen. Sofern der Mensch ihnen Möglichkeiten gibt. Darum fände ich es naturschutzmäßig äußerst wichtig, dass die bestehenden Waldfläche so bleiben, wie sie sind.

  3. Theresa
    22. November 2022 at 08:30

    Liebe Redaktion,
    vielen Dank für die Aufklärung. Aber wenn der Speckgürtel voller wird und Autos generell ja auf dem absteigenden Ast sind, wäre es nicht viel sinnvoller den ÖVNP zu fördern? Heute Morgen habe ich im
    Naturschutzgebiet spielende Füchse und springende Rehe getroffen, ein Fasan ging spazieren und im Sommer konnten wir die Biberfamilie beobachten…Es wäre fatal, wenn diese ehrliche Natur mal
    wieder dem Menschen zum Opfer fällt.

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