Nach Richterspruch: Prof. Jonas Reif über Bäume, Verkehr und Demokratie

24. Juli 2026
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Prof. Jonas Reif mischte sich viele Jahre erfolgreich in die Kommunalpolitik ein. Er war Mitglied der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Zeuthener Gemeinderat und jahrelang Vorsitzender der Gemeindevertretung. Reif arbeitet als Professor an der Fachhochschule Erfurt in der Fakultät für Landschaftsarchitektur, Gartenbau und Forst. Der Schulzendorfer fragte ihn zum Ausbau der Seestraße.

Herr Reif, der NABU hat gegen den Planfeststellungsbeschluss geklagt und nun vor Gericht verloren. Wie bewerten Sie dies?

Prof. Jonas Reif: Zunächst einmal finde ich es richtig, dass der NABU die Chance genutzt hat, den Planfeststellungsbeschluss vor Gericht überprüfen zu lassen. Es gibt ja in der Tat ein Gesetz, das den Alleenschutz in Brandenburg sehr hoch gewichtet. Angesichts eines Planungsprozess von über einem Jahrzehnt sind auch die zwei zusätzlichen Jahre bis zum Urteil verkraftbar gewesen.

Prof. Jonas Reif (Foto: mwBild)

Prof. Jonas Reif (Foto: mwBild)

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Waren Sie vom Ergebnis überrascht?

Prof. Jonas Reif: Ich hätte keine Wette abschließen wollen. Vor allem die Frage, ob es eine ausreichende Variantenuntersuchung stattgefunden hat – sowohl von der Routenführung als auch von der technischen Umsetzbarkeit – ließ Interpretationsmöglichkeiten. Das Ergebnis ist – ohne die mündliche Begründung im Wortlaut gehört zu haben (Anmerk. der Redaktion: die schriftliche Begründung steht noch aus) – wohl recht eindeutig ausgefallen.

Der NABU will weiter für den Erhalt der bestehenden Bäume kämpfen. Wie stehen Sie dazu?

Prof. Jonas Reif: Emotional kann ich dies verstehen. Die Anzahl und der Zustand der Bäume, eine völlig überzogene Verkehrsprognose und schlechte Erfahrungen mit Ersatzpflanzungen an der L402 in Miersdorf und der L401 in Wildau, die der Landesbetrieb zu verantworten hat, geben genug Anlass. Sachlich betrachtet sollte man den Richterspruch akzeptieren und sich darauf konzentrieren, dass die Ersatzpflanzungen möglichst gut umgesetzt werden.

Trotz 6m Fahrbahnbreite sind in diesem Abschnitt der Lindenallee wenig alte Bäume stehen geblieben.

Trotz 6 m Fahrbahnbreite sind in diesem Abschnitt der Lindenallee wenig alte Bäume stehen geblieben. (Foto: Reif)

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Sie halten also nichts von Vorschlägen, die doch noch eine Vereinbarkeit von Bestandsbäume und Straßenerneuerung ermöglichen sollen?

Prof. Jonas Reif: Ich habe immer wieder zwei Vorschläge vernommen: Statt 6,5 m nur 6 m Fahrbahnbreite – hier wird das „Positivbeispiel“ der L401 im Bereich der Linden- und Fontaneallee angeführt. Wenn man sich diesen Abschnitt ansieht, dann muss man feststellen: An einigen Stellen hat es funktioniert, an anderen nicht. Dort stand in der Regel auch mehr Platz zur Verfügung, so dass der Geh- und Radweg meist weiter entfernt von den Stämmen gebaut werden konnte. Ein halber Meter weniger Fahrbahnbreite bedeutet nur 25cm mehr pro Seite für den Baum. Das ist nur eine minimale Verbesserung.

Und die Idee mit den Wurzelbrücken im Gehwegbereich?

Prof. Jonas Reif: So etwas kann man partiell mal machen, um einen alten Baum zu erhalten. Im Bereich der Lindenallee, dort wo parallel zur Straße ein Waldstück liegt, hat man es damals auch gemacht – mit Erfolg, aber unter Wegnahme von Waldfläche. Wenn sie aber alle paar Meter eine Einfahrt oder ein Gartentor haben, dann entsteht eine Berg- und Talstrecke im Gehwegbereich. Außerdem verschlechtern sie dort die Luft- und Wasseraufnahme für die Wurzeln. In Zeuthen haben wir an einigen Stellen sogar befestigte Gehwege zurückgebaut, um die Problematik von ständigen Gehweg-Plattenhebungen zu umgehen. So etwas kann man aber im Ortskern und entlang der Landesstraße nicht machen. Ich bitte hier auch mal an Menschen mit Gehbehinderung und Kinderwagen zu denken.

Im Übergangsbereich von Linden- zur Fontaneallee konnte der Gehweg mit deutlich Abstand von den Bestandsbäumen angelegt werden. In der Seestraße ist dieser Platz nicht vorhanden. (Foto: Reif)

Im Übergangsbereich von Linden- zur Fontaneallee konnte der Gehweg mit deutlich Abstand von den Bestandsbäumen angelegt werden. In der Seestraße ist dieser Platz nicht vorhanden. (Foto: Reif)

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Ich möchte an dieser Stelle noch einmal betonen: Es gab seit den 1990er Jahren einen langen Prozess in der Gemeindevertretung, in der man sich letztlich mit großer Mehrheit für den Neubau entschieden hat. Auch um Verkehr, der sich zwischenzeitlich auf Nebenstraßen verlagert hat, wieder auf die Hauptstraße zurückzuholen. Und die Situation für Fußgänger und Radfahrer zu verbessern. Wenn es nach mir allein gegangen wäre, hätte man die Straße auch so lassen können, wie sie ist. Man muss aber in einer Demokratie Mehrheitsvoten akzeptieren.

Ein Gutachter sprach davon, dass neue Straßenbäume nur noch eine Lebenserwartung von 40-60 Jahren hätten. Sind Sie auch so pessimistisch?

Prof. Jonas Reif: Nein. 40-60 Jahre werden oft zitiert. Man muss aber schauen, woher diese Zahlen stammen. Einerseits aus stark verdichteten Städten, andererseits von schlecht gepflegten Baumpflanzungen an Kreis-, Landes- und Bundesstraßen. Zeuthen bietet grundsätzlich gute Bedingungen. Die Sandböden lassen sich gut durchwurzeln, da sie ausreichend Bodenluftanteil haben – etwas für Bäume sehr Relevantes. Im Bereich der Seestraße ist auch der Grundwasserspiegel hoch, so dass nach einer Anwuchs-Phase ein langfristig gutes Wachstum gesichert ist. Vor allem im ersten Jahrzehnt muss aber auf guten Schutz, Pflege und ein zeitnahes Aufasten geachtet werden.

Ein Abschnitt mit vielen erhaltenen Bäumen. Allerdings ist die Gehwegsituation wenig befriedigend. Fahrradfahren ist hier nicht erlaubt. (Foto: Reif)

Ein Abschnitt mit vielen erhaltenen Bäumen. Allerdings ist die Gehwegsituation wenig befriedigend. Fahrradfahren ist hier nicht erlaubt. (Foto: Reif)

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Ist das keine Selbstverständlichkeit?

Prof. Jonas Reif: Leider nein. Das Problem besteht aber nicht nur bei Straßenbäumen, sondern generell. Schauen Sie sich doch mal die Bäume im Ortszentrum von Schulzendorf an, also bei Edeka und Aldi. Ich verstehe nicht, warum die Gemeinde hier nicht auf die Einhaltung der Verpflichtungen aus dem Bebauungsplan achtet. Auch in Zeuthen gab es noch in den 2010er Jahren Probleme. Inzwischen werden beauftragte Neupflanzungen mit 4+1 Jahren Entwicklungspflege vergeben – und dies auch von der Gemeinde kontrolliert! Auch der Landesbetrieb Straßenwesen hat inzwischen seine Pflege deutlich verbessert. Unter solchen Bedingungen traue ich den Bäumen auch wieder 80-100 Jahre zu. Wichtig ist aber, dass nicht erneut Linden gepflanzt werden.

Was spricht gegen Linden?

Prof. Jonas Reif: Grundsätzlich sind es sehr gute Straßenbäume. Die Gefahr liegt in einer „Überwendung“, falls einmal spezifische Krankheiten ausbrechen sollten. Das ist keine hypothetische Gefahr, sondern einer reelle, die wir in den vergangenen Jahrzehnten schon mehrfach hatten.  Weißblühende Rosskastanien und die heimischen Eschen können wir nicht mehr verwenden. Der beste Schutz gegen Krankheiten ist immer noch Vielfalt. Momentan ist jeder zweite Straßenbaum in Zeuthen eine Linde. Die Neupflanzung der Allee bietet die Chance, hier in Größenordnung mehr Diversität zu erreichen.

Trotz 6 m Fahrbahnbreite sind in diesem Abschnitt wenig alte Bäume stehen geblieben (Alternative). (Foto: Reif)

Trotz 6 m Fahrbahnbreite sind in diesem Abschnitt wenig alte Bäume stehen geblieben (Alternative). (Foto: Reif)

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Sie selbst sind Mitglied im NABU-Regionalverband Dahmeland. Wie bewerten Sie das Auftreten Ihres 1. Vorsitzenden Matthias Rackwitz gegenüber Landrat Sven Herzberger?

Prof. Jonas Reif: Persönliche Anfeindungen sind immer schlecht, wenn man in der Sache überzeugen will – zumal Herr Herzberger an der Entscheidungsfindung nicht beteiligt war. Als Anwohner der Straße kann ich den Wunsch von Herrn Herzberger nachvollziehen, dass die Straße ruhiger wird. Der Unterschied zwischen Granitpflaster und Asphalt ist deutlich. Ich habe aber Zweifel, dass sein Kellerfeuchtigkeitsproblem mit einem grundhaften Ausbau der Straße gelöst wird. Hier spielen Grundwasser, Stauschichten und Starkregenfälle, die im Grundstücksbereich versickern, sicherlich eine größere Rolle.

Sie haben einmal gesagt, dass Ihnen die Fällung der Bäume trotzdem wehtun wird. Hat sich daran etwas geändert?

Prof. Jonas Reif: Nein. Es bleibt erstmal ein Verlust im Ortsbild und in der Ökosystemleistung. Aber mein Blick ist langfristig. Wir werden dort nicht nur wieder eine Allee bekommen, sondern auch noch an die 170 weitere Bäume an anderen Straßen. Damit bleibt Zeuthen ein grüner Ort.

One Response to Nach Richterspruch: Prof. Jonas Reif über Bäume, Verkehr und Demokratie

  1. Matthias Rackwitz
    24. Juli 2026 at 12:12

    Fahrradfahren auf dem an Bäumen dann nach Baumvernichtung und Neubau ca. 1,10 m breiten Gehweg ist dann weiterhin nicht möglich und auch rechtlich nicht einmal anordnungsfähig … zur lebendigen Demokratie gehört es auch, XXXXXXXXXXXXXXXXXXX ! (Kommentar zu einer der Bildunterschriften)

    Lieber Kommentator Matthias Rackwitz, ein Teil Ihres Beitrages wurde nicht veröffentlicht. Eine Ausdrucksweise im “Kneipen-Stil” ist hier unerwünscht. Bitte beachten Sie künftig unsere Nutzungsbedingungen. Danke!

    Sabrina Rühle
    Redaktion

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