Im Kreuzverhör: Jonas Reif – „Keine großen Freiflächen als Bauland!”

25. Dezember 2022
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Seit der Entstehung der Erde gibt es einen ständigen Klimawandel. Der Unterschied, den wir heute beobachten: Noch nie war ein Klimawandel so extrem. Nur wenige bezweifeln, dass für den aktuellen Wandel der Mensch verantwortlich ist. Der Schulzendorfer sprach darüber mit Prof. Jonas Reif (Bündnis 90/Die Grünen), er lehrt an der Fachhochschule Erfurt Pflanzenverwendung und Vegetationskonzepte.

Klimawandel

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Steigende Meeresspiegel, schmelzende Pole, laufend neue Studien, schaurige Szenarien. Die Furcht vor dem Klimawandel ist groß. Wovor haben Sie Angst?

Jonas Reif: Das nicht alle verstanden haben – oder verstehen wollen -, welche Wirkungen vom Klimawandel ausgehen. Bei vielen herrscht noch immer das Motto: Ist doch schön, wenn es richtige Sommer gibt und man im Winter weniger heizen muss. Die zwei, drei Wochen mit Hitze und Trockenheit im Sommer wird man schon aushalten. Bei den 1,5-2°C, von denen immer gesprochen wird, handelt es sich allerdings um globale Mittelwerte. Für Erfurt, wo ich lehre, geht man schon zwischen 2071-2100 von Jahresmittelwerte von 12,5°C aus – das sind 4,2°C mehr zur Referenzperiode 1960-90 und fast schon subtropische Werte. Natur kann sich an wandelnde Bedingungen anpassen – aber nicht so schnell. Das führt definitiv zu einem massiven Artenverlust.

Wie wirkt sich der Klimawandel in unserer Region aus?

Jonas Reif: Selbst wenn die jährlichen Niederschlagsmengen konstant bleiben, wird die klimatische Wasserbilanz im Sommer immer negativer. Gravierende Folgen langanhaltender Trockenheit, Ernteausfälle in der Landwirtschaft und ein übermäßiger Verlust alter Bäume und der damit verbundene Verlust von Tierwelt. Wenn wir nicht zeitnah Gegensteuern, wird auch der Grundwasserspiegel weiter fallen und Gewässer immer häufiger umkippen. Der Zeuthener See hat heute schon eine miserable Qualität – das wird noch schlimmer. Die Oder in diesem Jahr war dafür schon mal ein Vorgeschmack.

Welchen konkreten Beitrag können wir in Dahme-Spreewald zum Klimaschutz leisten?

Jonas Reif: Während CO2 das Maß der Dinge ist, wenn wir den Klimawandel eindämmen wollen – sprich Energie einsparen und regenerativ erzeugen -, ist H2O die Währung für die Klimaanpassung.
In eine naturnahe Landschaft verdunstet 80 Prozent des Niederschlags wieder. Das sorgt nicht nur für Verdunstungskälte, sondern erhöht wiederum die Niederschlagsmengen. Vor allem in Siedlungsbereichen sind neben Wäldern auch große Wiesen sinnvoll, da diese sich nachts schnell abkühlen und hier viel Grundwasser neu gebildet wird. Wir sollten deshalb mit Naturflächen extrem schonend umgehen, Regenwasser lokal versickern und so viel Wasser wie möglich in der Landschaft zurückhalten.

In der Region werden große Bauprojekte vorangetrieben. Schaden sie wegen ihrer Bodenversiegelungen dem Klima?

Jonas Reif: Einzelne Bauprojekte sind grundsätzlich nicht schädlich. Klimafreundliches Bauen ist möglich und die Mehrkosten halten sich in Grenzen, vor allem wenn man langfristige Einsparungen durch gute Dämmung berücksichtigt. Wichtig ist, dass das Wasser lokal versickern kann und – das ist genauso wichtig – Wasser zum Beispiel durch Dach- und Fassadenbegrünung oder Bäume vor Ort auch verdunstet wird.

Was muss sich am dringendsten ändern, was sollte die Politik am dringendsten ändern?

Jonas Reif: Im ZEWS-Bereich (gemeint ist Zeuthen, Eichwalde, Wildau, Schulzendorf – Anm. Red.) würde ich konkret keine großen Freiflächen mehr als neues Bauland ausweisen. In diesem Sinn war auch die jüngste Entscheidung der Gemeindevertretung Zeuthen wegweisend, ein großes Landschaftsschutzgebiet im Norden der Gemeinde bis nach Schulzendorf ausweisen zu lassen. Größere Infrastrukturvorhaben sollten ebenfalls auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.

Prof. Jonas Reif (Bündnis 90/Die Grünen), Foto: mwBild

Prof. Jonas Reif (Bündnis 90/Die Grünen), Foto: mwBild

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Die geplante Ortsumgehung in Alt-Schulzendorf bringt kaum Vorteile und ist für die Natur schädlich, wohingegen mir eine Autobahnanschlussstelle in Kiekebusch sinnvoll erscheint, da sie Wege verkürzt. Vor allem brauchen wir einen starken Ausbau von Radwegen. Wir müssen auch weg von Symbolpolitik, hin zu wirklich effektiven Maßnahmen. Das größte Energieeinsparpotential in Zeuthen wäre zum Beispiel die Sanierung der Plattenbau-Wohnblöcke in der Heinrich-Heine-Straße. Das muss endlich angegangen werden! In der Flutgrabenaue würde ich mir eine verstärkte Zusammenarbeit von Schulzendorf und Zeuthen wünschen, um hier noch mehr Wasser speichern zu können. Der NABU hat hier 2022 eine erste Maßnahme umgesetzt. Die müsste man von der Fläche mindestens noch verzehnfachen.

Was tun Sie persönlich, um Ihre CO?-Bilanz zu senken?

Jonas Reif: Wir haben dieses Jahr einen Großteil unserer Fenster ausgetauscht.

Klimaminister Habeck soll nur zwei Minuten duschen. Wie lange duschen Sie?

Jonas Reif: Ich dusche gar nicht!

Autos abschaffen, wäre das eine Alternative für Sie?

Jonas Reif: Nein. Auch wenn ich selber versuche, so häufig wie möglich die Bahn und das Fahrrad zu benutzen, ist für mich das Auto notwendig. Allerdings halte ich den Umstieg in die E-Mobilität für unverzichtbar, auch weil Elektrofahrzeuge die kostengünstigsten Stromspeicher sind – Stichwort bidirektionales Laden. Diese werden bei der Energiewende eine wichtige Rolle spielen.

Klimaaktivisten haben in der Region die Autobahn sowie Start- und Landebahn des BER blockiert. Hilft es der Sache oder schadet es ihr?

Jonas Reif: Ich habe für das Anliegen der Klimaaktivisten großes Verständnis, weil tatsächlich viel über den Klimaschutz geredet, aber zu wenig gemacht wird. Allerdings glaube ich nicht, dass man mit den Methoden etwas erreichen kann.

3 Responses to Im Kreuzverhör: Jonas Reif – „Keine großen Freiflächen als Bauland!”

  1. Oliver
    27. Dezember 2022 at 23:47

    Ich war neulich mal wieder ein wenig in der Natur unterwegs und habe gesehen, daß die Altlasten aus dem alten Müllberg wieder ans Tageslicht kommen…

    Vielleicht sollte man sich erst mal darum kümmern, bevor ein neues Gebiet versiegelt werden soll…

    Mit etwas Glück reicht der Platz der dabei entsteht…

  2. B.Hartenstein
    26. Dezember 2022 at 15:09

    In Ortschaften leben Menschen. Menschen brauchen Wohnraum. Das ist eine Tatsache. Industrie und Gewerbe gehören nicht in eine Wohnansiedlung. Wälder, ggf. Parks, vielleicht auch Wiesen gehören zu Wohnbereichen zur allg. Verbesserung des Lebensklimas. Abholzung von Wälder, Bebauung von Wiesen in Wohngebiete für neue Gewerbegebiete ist dumm und rücksichtslos.
    So, wie Herr Reif das Thema Bebauung betrachtet, lässt hoffen, daß der Verstand nicht völlig abhanden gekommen ist bei den Grünen.
    Und unseren fanatisch ideologischen Grünen in Schulzendorf rate ich, bildet euch doch einfach mal bisschen weiter.
    Verschiedene Forscher dieser Welt haben nämlich entdeckt, dass sich die Erdachse seit Jahren in ihrer Neigung verändert hat. Erstmals habe ich das Ende der 60ziger Jahre gelesen. Und jeder einigermaßen gebildete Mensch kann daraus ableiten, welcher Einfluss sich daraus auf das Weltklima ergibt. Demzufolge ist die weltweite Klimaveränderung auch kein Hexenwerk oder Hauptschuld der Autoindustrie oder der bösen fleischessenden Menschen usw., sondern sie ist Folgeerscheinung von geologischen Prozessen.
    Ausser in Schulzendorf wahrscheinlich, wo die Grüne Frau Stölzel sich im gebetsmühlenartigem Zustand der Verklärung Grüner Herrlichkeit befindet.

  3. Altanschließer
    25. Dezember 2022 at 22:13

    Ich teile Ihre Ansichten zur Bebauung in der Region und zu den Folgen unnötiger Bodenversiegelungen voll und ganz. Ich finde es gut, dass sich die Grünen zusammen mit anderen Parteien in Zeuthen so vorbildlich für den Landschaftsschutz einsetzen. Leider verfolgen die Grünen in Schulzendorf ganz andere Ziele. Sie wollen Natur und Umwelt schädigen. Sie wollen mit den Linken/SPD die 20 Hektar Freifläche an der Ernst-Thälmann-Straße gegenüber dem Schandfleck Ritterschlag mit einem Gewerbegebiet versiegeln, damit im Jahr 2085 die Gemeinde Gewerbesteuer in Höhe von 4.266,89 € pro Jahr einnehmen kann. In meinen Augen haben Herr Körner und Frau Stölzel völlig den Verstand verloren. Und deshalb teile ich für die Grünen in Schulzendorf die Einschätzung von Frau Wagenknecht, sie sind gefährlich!!!

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