Zeuthen. Seit Monaten wird heftig über die geplante Sanierung und die damit verbundene Fällung von Bäumen gestritten. Fahrzeugführer und Fußgänger wünschen sie sich seit Jahren, die Bürgerinitiative pro Allee kämpft gegen die geplanten Fällungen, der NABU verlor in der Sache eine Klage vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin Brandenburg. Ende September hielt der ehemalige Stadt- und Verkehrsplaner Dr.-Ing. Ditmar Hunger in Zeuthen einen Vortrag zum Ausbau der Seestraße. pro Allee und der NABU hatten das Forum angestoßen.
Dr. Hungers Vortrag war erkennbar darauf ausgerichtet, die Position des NABU für den Erhalt der Alleebäume zu stärken und die bestehende Straßenplanung infrage zu stellen. Das ist legitim. Problematisch wird es dort, wo eine fachliche Gegenposition kaum erkennbar ist, technische Möglichkeiten als Beleg für die konkrete Machbarkeit erscheinen und weitreichende Vorwürfe ohne ausreichende Prüfung im Vortrag stehen bleiben.

Eine “Informationsveranstaltung” zum Thma Umbau der Seestraße fand Ende September in Zeuthen statt. (Foto: mwBild)
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Die Veranstaltung war nicht ergebnisoffen angelegt
Bereits die Begrüßung durch die NABU-Vertreterin Juliane Bauer macht die Zielrichtung deutlich. Der Referent solle darlegen, „warum wir da auch nicht falsch liegen“. Zugleich kündigte sie an, dass der NABU trotz der Niederlage vor dem Oberverwaltungsgericht weitere rechtliche Schritte prüfen wolle.
Damit stand die grundsätzliche Position bereits vor Beginn der Veranstaltung fest: Die Allee soll möglichst erhalten bleiben, die bisherige Planung soll korrigiert werden.
Das ist für die Protestler nachvollziehbar. Für eine Veranstaltung, die auch der sachlichen Aufklärung dienen soll, wäre jedoch eine offenere Fragestellung überzeugender gewesen: Welche Bäume können erhalten werden? Welche technischen, rechtlichen und finanziellen Grenzen bestehen? Und welche Kompromisse wären vertretbar?
Der Eindruck entsteht, dass vor allem Argumente für eine bereits feststehende Position gesammelt wurden und nicht, dass die verschiedenen Lösungswege gleichgewichtig geprüft werden sollten.
Ein Fachmann mit Erfahrung, aber kein unabhängiges Gutachten
Dr. Hunger stellte seine langjährige Tätigkeit als Stadtplaner sowie seine Erfahrungen in Verkehrsplanung, Tiefbau und Umweltplanung ausführlich vor. Diese berufliche Erfahrung ist für das Thema zweifellos relevant.
Allerdings stellte er sich zugleich ausdrücklich als jemand dar, der seit Jahrzehnten für den Erhalt bedrohter Alleen kämpft und das Alleenforum gegründet hat, um aus seiner Sicht baumfeindliche Straßenbauregeln zu verändern.
Das ist kein Einwand gegen seine fachliche Qualifikation. Es ist aber ein Grund, seine Aussagen als fachlich begründete Position eines engagierten Interessenvertreters einzuordnen und nicht automatisch als unabhängige Prüfung des konkreten Bauvorhabens.
Ein belastbarer Nachweis für die technische Machbarkeit in der Seestraße hätte eine systematische Untersuchung der örtlichen Verhältnisse erfordert: Wurzelverläufe, Leitungen, Straßenaufbau, Entwässerung, Verkehrssicherheit und Bauablauf. Der Vortrag enthielt hierzu zwar zahlreiche technische Erläuterungen und Beispiele aus anderen Orten, ersetzt aber nicht ohne Weiteres eine vollständige, projektspezifische Planung.
Scharfe Vorwürfe gegen die Planer, aber nicht jeder Vorwurf ist damit bewiesen
Dr. Hunger stellte die bisherige Planung mehrfach als fachlich überholt oder fehlerhaft dar. Er kritisierte unter anderem, dass aktuelle Erkenntnisse zur Schwammstadt, zum Wasserrückhalt und zur Bedeutung alter Bäume nicht ausreichend berücksichtigt worden seien. Zudem äußerte er Zweifel an der angesetzten Verkehrsmenge von 10.000 Fahrzeugen täglich.
Besonders deutlich wurde er bei der Frage, warum Bäume gefällt werden sollen, obwohl aus seiner Sicht alternative Bauverfahren zur Verfügung stehen. Sinngemäß unterstellte er den Verantwortlichen, das Fällen sei einfacher, als sich mit den Bäumen auseinanderzusetzen.
Das ist eine starke Anklage. Sie verlangt aber eine ebenso sorgfältige Beweisführung.
- Verkehrszahlen: Dr. Hunger verweist auf niedrigere Zählwerte und stellt die Planungsgrundlage infrage. Ob die von ihm herangezogenen Werte hinsichtlich Messstelle, Erhebungszeitraum, Prognosehorizont und Schwerverkehr mit der Verkehrsplanung vergleichbar sind, wird im Vortrag nicht abschließend geklärt.
- Wurzeln und Straßenbau:Dr. Hunger argumentiert, dass sich Wurzeln häufig eher unter Gehwegen als unter versiegelten Fahrbahnen ausbreiten. Daraus leitet er ab, dass der Erhalt vieler Bäume möglich sein könnte. Ob das für jeden betroffenen Baum in der Seestraße gilt, lässt sich ohne konkrete Wurzeluntersuchungen jedoch nicht feststellen.
- Planungsfehler: Dr. Hungers Behauptung, wesentliche Richtlinien seien nicht berücksichtigt worden, ist überprüfbar. Sein Vortrag allein belegt aber weder die vollständige Planungsgrundlage noch, welche Vorschriften tatsächlich zwingend anzuwenden waren.
Die kritische Frage lautet deshalb nicht, ob die Planer Fehler gemacht haben könnten. Sie lautet: Welche konkreten Fehler sind anhand der Unterlagen nachweisbar und welche Schlussfolgerungen zieht Dr. Hunger daraus, ohne sie für das gesamte Projekt abschließend belegen zu können?
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Technische Alternativen werden gezeigt, ihre Umsetzbarkeit bleibt offen
Der Vortrag enthält zahlreiche Beispiele für den Baumerhalt: Suchschachtungen, angepasste Gehwege, größere Baumscheiben, spezielle Bauverfahren für Leitungen und Lösungen für durch Baumwurzeln angehobene Bordsteine.
Das ist ein wertvoller Beitrag. Er zeigt, dass der Konflikt zwischen Straßenbau und Baumerhalt nicht zwangsläufig durch eine Fällung gelöst werden muss. Allerdings besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen einer technisch möglichen Lösung und einer Lösung, die unter den konkreten Bedingungen der Seestraße tatsächlich funktioniert.
Dr. Hunger verweist selbst auf zwei Gegenargumente aus dem Planungsverfahren: eine erforderliche Straßenbreite von mindestens 6,50 Metern aufgrund neuer Arbeitssicherheitsvorschriften sowie Unterschiede beim Straßenunterbau gegenüber einem früheren Ausbau der Fontaneallee. Er hält diese Argumente für nicht überzeugend genug. Eine vollständige technische Widerlegung dieser Einwände ist im Vortrag jedoch nicht dokumentiert.
Auch die Beispiele aus Dresden oder Berlin sind nicht automatisch auf Zeuthen übertragbar. Dafür müssten die jeweiligen örtlichen Bedingungen und Anforderungen verglichen werden.
Die Veranstaltung zeigt mögliche Lösungsansätze, aber sie liefert keinen abschließenden technischen Nachweis, dass die gesamte geplante Baumaßnahme mit dem Erhalt sämtlicher betroffener Bäume vereinbar ist.
(Lesen sie im zweiten Teil: Die Rechnung mit den fehlenden Bäumen ist politisch wirksam, aber erklärungsbedürftig; Barrierefreiheit und Verkehrssicherheit werden zu Randthemen; Die gerichtliche Niederlage wird politisch relativiert; Gesamturteil;)

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