Demokratie auf Abruf – eine Schlußkolumne

25. März 2026
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Es gibt Kommunen, die lösen Probleme. Und es gibt Kommunen, die lösen vor allem eines aus: den Eindruck, dass Bürger sich ihre Beteiligung erst mühsam verdienen müssen.

Schulzendorf liefert dafür gerade ein bemerkenswert vollständiges Lehrstück. Am Anfang standen Eltern, die nicht randalieren, nicht polemisieren, nicht gegen „das System“ kämpfen wollten. Sie taten etwas geradezu Unverschämtes: Sie beobachteten, fragten nach, suchten Gespräche, meldeten Probleme, wollten Klärung. Also genau das, was man in Sonntagsreden gern als „gelebte Bürgerbeteiligung“ feiert.

Foto: mwBild

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Nur leider scheint Bürgerbeteiligung in Schulzendorf vor allem dann erwünscht zu sein, wenn sie nicht stört.

Denn sobald Hinweise unbequem werden, beginnt eine bemerkenswerte Verwaltungsmechanik: Zuerst wird beruhigt. Dann relativiert. Dann verwiesen. Dann geprüft. Dann noch einmal geprüft. Dann schriftlich erklärt, dass alles korrekt behandelt worden sei. Und wenn am Ende immer noch Fragen offen sind, hilft zuverlässig das universell einsetzbare Pflaster kommunaler Selbstverteidigung: Datenschutz, Zuständigkeiten, fehlende Akten, verstrichene Fristen.

Das ist kein Versehen im System. Das ist das System.

Da wird eine Dienstaufsichtsbeschwerde unter Ausschluss der Öffentlichkeit behandelt, weil sensible Inhalte im Raum stehen könnten — und später landet der Mitschnitt genau dieses nichtöffentlichen Teils öffentlich im Netz.

Da wird mit datenschutzrechtlicher Sensibilität hantiert, während sich ein angebliches Datenschutzgutachten bei näherem Hinsehen als Phantom erweist. Da wird Akteneinsicht gewährt, aber die Akte besteht am Ende im Wesentlichen aus genau dem, was der Bürger ohnehin schon kennt: E-Mails, Briefe, Protokolle. Nur eben ordentlich abgeheftet.

Vermerke? Abwägungen? Interne Prüfnotizen? Dokumentierte Entscheidungsgrundlagen? Offenbar alles Dinge, die in Schulzendorf eher in den Bereich kommunaler Folklore fallen.

Man muss dieser Form der politischen Selbstimmunisierung fast Respekt zollen. Sie ist handwerklich nicht elegant, aber wirksam: Wenn man Entscheidungen nicht ordentlich dokumentiert, kann später auch niemand nachvollziehen, wer was warum entschieden hat. Wenn man Fristen ausreizt, Zustellungen spät losschickt und Aufklärung auf den letzten Metern nachreicht, wirkt jeder weitere Einwand schnell wie Nachtreten statt Rechtswahrnehmung. So wird aus dem Recht auf Einspruch schleichend ein Akt der Unerwünschtheit.

Und genau an diesem Punkt wird aus einem Kita-Vorgang ein demokratisches Problem.

Denn die eigentliche Aufgabe einer Gemeindevertretung ist nicht, im entscheidenden Moment das Verwaltungsgerät geräuschlos abzuschirmen. Sie ist auch nicht, konfliktträchtige Themen aus der Öffentlichkeit zu ziehen, sie im Halbdunkel zu behandeln und danach so zu tun, als sei mit der Abstimmung schon Aufklärung geleistet worden. Eine Gemeindevertretung ist kein Schutzschild der Verwaltung und kein Abstimmungsautomat mit Sitzungskalender. Sie ist das Kontrollorgan der Bürger — oder sie sollte es zumindest sein.

Karikatur mwBild

Dezember 2025: Markus Mücke auf die Frage, wie er seine 16 Jahre Amtszeit bewertet. (Karikatur mwBild)

Wenn sie diese Aufgabe nicht wahrnimmt, dann verkommt kommunale Demokratie zu einer ziemlich teuren Theateraufführung: Die Bürger dürfen Anliegen vortragen. Die Verwaltung darf Betroffenheit simulieren. Die Politik darf ernst schauen. Und am Ende wird festgestellt, dass leider alles bereits geprüft wurde, alles bedauerlich sei, aber leider kein weiterer Handlungsbedarf bestehe.

Applaus, Vorhang, nächste Sitzung.

Das Bittere daran ist nicht einmal, dass Fehler gemacht wurden. Fehler passieren. Das Bittere ist, wie viel Energie darauf verwendet wird, Fehler nicht aufzuklären, sondern sie in Verfahren zu überführen. In Schulzendorf scheint man aus einem Problem nicht zuerst eine Lösung zu machen, sondern einen Vorgang. Und aus dem Vorgang dann so viele Zuständigkeiten, Begründungen und formale Endpunkte, bis sich irgendwann jeder Bürger fragt, ob er eigentlich noch um Klärung bittet — oder bereits gegen ein Uhrwerk aus Gewohnheit, Selbstschutz und politischer Bequemlichkeit anläuft.

Die eigentliche Frage lautet deshalb längst nicht mehr, ob die erste Beschwerde in jedem Detail berechtigt war. Die eigentliche Frage lautet: Wie weit müssen Bürger in dieser Gemeinde gehen, bis sie nicht nur angehört, sondern ernsthaft geprüft werden?

Wenn die Antwort lautet: erst Gespräch mit dem Träger, dann Jugendamt, dann Ministerium, dann Gemeindevertretung, dann Kommunalaufsicht, dann Datenschutzbehörde,dann Akteneinsicht, dann wieder neue Nachfragen, dann vielleicht ein Gespräch mit dem nächsten Bürgermeister — dann ist etwas faul. Nicht nur in einem Einzelfall. Sondern im Verständnis davon, was Verwaltung und Demokratie eigentlich leisten sollen.

Denn ein Gemeinwesen, in dem Bürger erst Langstreckenläufer, Archivare, Verfahrenskenner und Nebenberufsjuristen werden müssen, um überhaupt in die Nähe einer nachvollziehbaren Antwort zu kommen, hat kein Kommunikationsproblem mehr. Es hat ein Haltungsproblem.

Und vielleicht liegt genau darin die Pointe dieses ganzen Vorgangs: Nicht die Bürger sind hier zu weit gegangen. Sondern eine Verwaltung und eine Politik, die offenbar glauben, man könne Kritik lange genug verwalten, bis sie irgendwann wie Unrecht wirkt.

 

One Response to Demokratie auf Abruf – eine Schlußkolumne

  1. Semmel
    25. März 2026 at 16:34

    Der Verfasser hat die Sache auf den Punkt gebracht. Meine Erfahrungen sind ähnlich. Auch erhält man unqualifizierte Antworten aus der Runde von Verwaltung – Gemeindevertretung und Bürgermeister, denn sie haben weder mit dem Gesetz noch mit der Wirklichkeit etwas zu tun haben.
    Der Bürger wird als lästiges Übel behandelt – habe die Schulzendorfer sind auch schuld- die Gemeindevertreter, die mal den Mund aufgemacht haben und etwas für die Bürger getan haben, wurden nicht wiedergewählt.

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