Fachvortrag oder Plädoyer für Allee Erhalt? (Teil 2) – eine Rezension

18. Oktober 2026
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Zeuthen. Seit Monaten wird heftig über die geplante Sanierung und die damit verbundene Fällung von Bäumen gestritten. Fahrzeugführer und Fußgänger wünschen sie sich seit Jahren, die Bürgerinitiative pro Allee kämpft gegen die geplanten Fällungen, der NABU verlor in der Sache eine Klage vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin Brandenburg.  Ende September hielt der ehemalige Stadt- und Verkehrsplaner Dr.-Ing. Ditmar Hunger in Zeuthen einen Vortrag zum Ausbau der Seestraße. pro Allee und der NABU hatten das Forum angestoßen.

Dr. Hungers Vortrag war erkennbar darauf ausgerichtet, die Position des NABU für den Erhalt der Alleebäume zu stärken und die bestehende Straßenplanung infrage zu stellen. Das ist legitim. Problematisch wird es dort, wo eine fachliche Gegenposition kaum erkennbar ist, technische Möglichkeiten als Beleg für die konkrete Machbarkeit erscheinen und weitreichende Vorwürfe ohne ausreichende Prüfung im Vortrag stehen bleiben.

Hungers Rechnung mit den fehlenden Bäumen ist politisch wirksam, aber erklärungsbedürftig

Ein Schwerpunkt des Vortrags war die Behauptung, dass bei der Planung der Seestraße der historische Alleebestand nicht ausreichend berücksichtigt werde.

Dr. Hunger nennt 261 zu fällende Bäume und 151 vorgesehene Neupflanzungen. Aus einem angenommenen früheren Pflanzabstand von etwa acht Metern leitet er ab, dass ursprünglich rund 550 Bäume vorhanden gewesen sein könnten. Er folgert daraus, dass die Planung den Alleecharakter langfristig gefährde und deutlich mehr Bäume nachgepflanzt werden müssten.

Der NABU fordert: Sanierung ohne Fällung! (Foto: mwBild)

Der NABU fordert: “Sanierung ohne Fällung” (Foto: mwBild)

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Das ist ein relevanter Ansatz, aber die Zahlen müssen sauber getrennt werden:

  • Die Zahl der zu fällenden Bäume und die Zahl der Neupflanzungen sind Angaben, die anhand der Planunterlagen überprüft werden können.
  • Die Zahl von rund 550 früheren Bäumen ist dagegen eine rechnerische Rekonstruktion auf Grundlage des angenommenen historischen Pflanzabstands. Sie ist nicht gleichbedeutend mit einem dokumentierten historischen Baumbestand.
  • Aus einem früheren Pflanzabstand folgt nicht automatisch, dass sämtliche Standorte heute wieder bepflanzt werden können. Zufahrten, Kreuzungen, Sichtfelder, Leitungen und andere Nutzungsanforderungen müssen berücksichtigt werden.

Dr. Hunger hätte seine Argumentation überzeugender gemacht, wenn er die historischen Standorte systematisch kartiert und den geplanten Neupflanzungen gegenübergestellt hätte.

Gleichwohl trifft er einen wichtigen Punkt: Eine Ersatzpflanzung ist nicht automatisch gleichwertig mit dem Erhalt alter Bäume. Junge Bäume benötigen viele Jahre, um eine vergleichbare Kronen- und Schattenwirkung zu erreichen.

Der NABU fordert: "Sanierung ohne Fällung" (Foto: mwBild)

Der NABU fordert: “Sanierung ohne Fällung” (Foto: mwBild)

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Barrierefreiheit und Verkehrssicherheit werden zu Randthemen

Besonders kritisch ist der Umgang mit konkurrierenden Interessen. Dr. Hunger räumt ein, dass Baumwurzeln Gehwege anheben und für Rollstuhlfahrer oder Menschen mit Kinderwagen Hindernisse schaffen können. Er spricht sich dafür aus, Kompromisse zu suchen, und verweist auf bauliche Lösungen.

Das ist grundsätzlich vernünftig. Allerdings werden die Einschränkungen teilweise als extreme Beispiele behandelt, während die ökologischen Vorteile alter Bäume ausführlich erläutert werden.

Eine ausgewogene Prüfung müsste für jeden betroffenen Abschnitt untersuchen:

  • Welche Gehwegbreiten sind tatsächlich erforderlich?
  • Welche barrierefreien Alternativen sind möglich?
  • Welche Gefahren entstehen durch Wurzeln, Bordsteine oder eingeschränkte Sicht?
  • Welche Folgen haben eine veränderte Straßenführung oder eine geringere Fahrbahnbreite?
  • Welche Mehrkosten und Folgekosten entstehen durch baumerhaltende Sonderlösungen?

Der Erhalt alter Bäume ist ein wichtiges Ziel. Er darf aber nicht dazu führen, dass die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen oder die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer pauschal nachrangig behandelt werden.

Die gerichtliche Niederlage wird politisch relativiert

Die Begrüßung von Referent Dr. Hunger enthält die Aussage, man habe zwar das Urteil des Oberverwaltungsgerichts verloren, aber eben nur dieses Urteil. Weitere rechtliche Möglichkeiten sollten geprüft werden.

Politisch ist das nachvollziehbar: Eine Bürgerinitiative muss eine gerichtliche Niederlage nicht als Ende ihres Engagements betrachten. Kritisch ist jedoch, wenn die Veranstaltung den Eindruck vermittelt, das Gericht habe lediglich eine formale Hürde errichtet und die fachlichen Argumente der Initiative seien damit im Grunde bestätigt.

Ein verlorenes Verfahren beweist nicht, dass die Planung fachlich optimal ist. Umgekehrt beweist es aber auch nicht, dass die Initiative mit ihrer technischen Einschätzung recht hat. Beides muss getrennt betrachtet werden.

Für eine seriöse Einordnung wären die tragenden Gründe der gerichtlichen Entscheidung mit den technischen Aussagen des Referenten abzugleichen.

FAZIT

Die Veranstaltung hatte einen nachvollziehbaren und wichtigen Zweck: Sie machte auf den ökologischen Wert alter Alleebäume aufmerksam und zeigte, dass beim Straßenbau Alternativen zur Fällung geprüft werden sollten. Dr.Hunger bringt konkrete Beispiele für baumerhaltende Bauweisen mit.

Ihre Schwäche liegt in der erkennbaren Einseitigkeit. NABU-Aktivistin Bauer kündigte bereits vor dem Vortrag an, dass Dr. Hunger begründen solle, warum die eigene Position richtig sei. Im Vortrag selbst wurden die Planer scharf kritisiert, Verkehrsprognosen angezweifelt und technische Alternativen vorgestellt. Eine gleichwertige Prüfung der Gegenargumente, der konkreten Bauanforderungen und der möglichen Grenzen dieser Alternativen war dagegen nicht erkennbar.

Als mobilisierender Fachvortrag für den Erhalt der Seestraßenallee war die Veranstaltung wirksam. Als unabhängige Entscheidungsgrundlage für die Frage, ob und wie die Straße tatsächlich umgebaut werden kann, reicht sie nicht aus. Dafür fehlen eine nachvollziehbare Prüfung sämtlicher betroffener Bäume, ein belastbarer technischer Alternativentwurf und eine transparente Gegenüberstellung der Kosten, Sicherheitsanforderungen und ökologischen Folgen. (rs)

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