Das Primat der Politik ist kritisch zu hinterfragen

9. April 2020
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Jeder Mensch auf der Welt kann in der gegenwärtigen Krise der Menschheit, die insbesondere von der Corona-Pandemie ausgelöst wurde, ein wahnsinniges und spannendes Thema finden, mit dem er sich auseinander setzen muss.

Dieses Corona-Thema, mit seiner antagonistischen Struktur, zeigt Widersprüche und Doppeldeutigkeiten auf, genauso wie paradox wirkende Situationen einer scheinheiligen, falschen, heuchlerischen und hunde- sowie katzenfreundlichen Gesellschaft, die sich sentimental und solidarisch gibt bzw. geben muss.

Die Polizei überwacht die Einhaltung der Eindämmungsverordnung.

Die Polizei überwacht die Einhaltung der Eindämmungsverordnung.

Man muss die Menschen nur beobachten, nur studieren. Man muss nur zuhören, worüber Politiker alles reden müssen. Alle sind scheinbar so zusammen, dass auch ein Gefühl von Hohn und Spott nicht zu verhindern ist.

Denn der so rührselig erlebte und genauso geschilderte Augenblick der Solidarität und Menschengüte, dieser erlebte Augenblick des Schreckens der Natur, wird bald dem Schrecken des Menschen und dem Schrecken der Politik wieder weichen.

Alles Utopische bleibt der Ausnahmezustand, alles Grauen die Regel. Wir alle müssen trotz dieser möglichen Erkenntnis wieder zum Einverständnis mit der Welt kommen. Das ist unsere Chance, das ist unsere Aufgabe für uns, für unsere Familie und für unsere Gesellschaft.

Ein spannendes Thema.

Die Welt ist unser, und sie gefällt uns. Wir wollen nicht, dass man uns aus ihr erlöse. Wir verabscheuen das Corona-Virus, wir hassen es, wir wollen es auslöschen. Wir träumen zwar noch diesen Traum, aber wir sind im Begriff zu erwachen. Das Virus ist schrecklich. Wir können zur Wirklichkeit nicht mehr zurück finden.

In diesem schrecklichen Sinne bindet uns das Schicksal nicht mehr, wir glauben nicht mehr so recht an das Schicksal. Und doch ist das Virus unser Schicksal. Aber es ist auch unser Spiegel. Wie sehen uns in unserer Zeit plötzlich sehr scharf und sehr genau:

Es ist das Bild des Größenwahnsinns. Was uns beflügelt, erkennen wir, ist Neid und Geiz. Wir erkennen jetzt besser, wer wir sind.

Sollten wir uns also jetzt fragen, in diesen Zeiten der Pandemie, in welcher Gesellschaft wir leben wollen? Nein, das sollten wir nicht. Diese Frage ist überflüssig. Denn das ist auch eine schiefe Frage. Und da die Frage schief ist, sind auch die Antworten tautologisch.

Warum ist das so?

Die Antwort ist schon in der Fragestellung enthalten und hängt von der Definition ab, die wir dem Wort „Gesellschaft“ zuteilen. Der Versuch, die Gesellschaft logisch erklären zu wollen, das heißt mit der Sprache erklären zu wollen, ist der Versuch einer typischen Zirkeldefinition ( idem per idem ). Man kann über das Wesen der Gesellschaft überhaupt weder denken noch sprechen, denn all die Worte und Gedanken sind von der Gesellschaft geformt und daher auf sie selbst vollkommen unanwendbar.

Wir müssen die Gesellschaft hinnehmen, wie sie ist, nämlich als unser innerstes Wesen. Und was wir möglicherweise „Kulturgeschichte“ nennen, ist nicht etwa die Geschichte der Gesellschaft, sondern im Gegenteil: die Geschichte der Natur als eines Produktes der Gesellschaft.

Kulturgeschichte ist identisch mit Naturgeschichte! Nur das, was wir gewohnt sind, mit „Kultur“ zu bezeichnen ist unmittelbarer als das, was wir mit “Natur“ bezeichnen. Die Natur ist eine Folge der Kultur. Wir haben das Corona-Virus, wie die Klimakatastrophe, mit unserer Art zu leben und zu genießen selbst erzeugt und verbreitet. Wir müssen keinen Schuldigen suchen, denn wir sind selbst schuld. Doch wir dürfen nicht mehr allein auf die Politik hören.

Das Primat der Politik ist sehr kritisch zu hinterfragen, wie unsere Art zu leben.

6 Responses to Das Primat der Politik ist kritisch zu hinterfragen

  1. Dr. Dieter Füting
    19. April 2020 at 07:45

    Das ist richtig Jörg.
    Gerade jetzt braucht man “Spielräume” ,besser andere und auch sehr wichtige Themen, die von der
    Einengung der Corona-Pandemie zum normalen Leben wieder hinführen, in Schulzendorf und überall.
    Denn wir müssen aufpassen. Nach der Pandemie wird alles anders werden. Die Politik arbeitet schon hart darauf hin. Doch wie es sein sollte, darf auch unsere Sorge sein.

  2. Jörg
    18. April 2020 at 19:09

    Home-Office läßt Spielräume entfalten, die keiner zur jetzigen Bewätigung der Sorgen braucht. Scheinbar ist in Schulzendorf nichts mehr los ?

  3. Dr. Dieter Füting
    18. April 2020 at 16:58

    Nur zu meinem eigenen Schutz als Kritiker vor der Inquisition:

    “Herr, du bist mein Geliebter, meine Sehnsucht, mein fließender Brunnen, meine Sonne,
    und ich bin dein Spiegel.”
    ( Mechthild von Magdeburg )

  4. Irgendwer
    15. April 2020 at 20:57

    Im Grunde nimmt die Prämisse in aller Regel das Ergebnis vorweg. Wenn man das weiß, ist ja schon viel gewonnen; und zwar auf jeder Ebene Ihrer sinnlichen Ansprache. In diesem Sinne:
    Spieglein, Spieglein, an der Wand – wer ist der Kritischste in unserem Land?

  5. Dr. Dieter Füting
    12. April 2020 at 17:05

    Der Hedonist setzt den Glücksgrundsatz immer an den Anfang.
    Ich bin also auch in dem Maße ein Hedonist, in dem ich Freude daran habe, Zusammenhänge zu erkennen oder glaube, sie zu erkennen.
    Ich bin in dem Maße Hedonist, in dem ich diebische Freude daran habe, den Schleier der Illusion zu beschreiben:
    Wenn wir ihn – den Schleier der Illusion – durch die äußeren Sinne betrachten, dann ist er ein Sandwich, zusammengehalten durch das menschliche Gewebe einerseits, das heißt durch die Sprache, und durch das Spiegelbild dieses Willens andererseits. Dazwischen weben die farbigen Nebel der Phänomene, teils unserem Willen gehorchend, teils von unserem Willen getrieben und sich nach ihm ordnend.
    Wenn wir den Schleier mit unseren Sinnen betrachten, erscheint er als das Spiegelbild des geschilderten Gewebes. So herrlich und überzeugend ist dieses Wunderwerk des menschlichen Willens und so täuschend ahmt es Wirklichkeit und Unabhängigkeit nach, dass wir darin den menschlichen Willen nicht mehr erkennen.
    An dieser Täuschung leiden wir, denn wir glauben uns, irrtümlicherweise, von den Dingen gebunden. Wenn wir jedoch den Schleier zerreißen, dann erkennen wir, dass wir frei sind und dass wir die Schöpfer sind. Wir sind die Quelle des Schicksals, denn wir sind das, was wir früher abergläubischerweise Gott und Teufel nannten. Und auch das Primat der Politik, von Lenin formuliert, hat keine Wirkung mehr. Es ist sehr kritisch zu hinterfragen, wie unsere Art zu leben.

  6. Irgendwer
    12. April 2020 at 09:13

    Wenn ich den Primaten der Politik hinterfrage in einem hier vorgeschlagenen Sinne- dass Kulturgeschichte gleich Naturgeschichte sei, zweifle ich dann nicht immer auch automatisch die Natur selbst an, was – Teil von ihr seiend, wiederum in einen Zirkelschluss führen müsste? Egal wie man es dann betrachten würde, wären wir verloren und müssten in alle Ewigkeit in immer der gleichen Existenz schmoren. Statt sich diesem kantischen Pessimismus hinzugeben, sollten wir nicht doch besser anerkennen, dass es das Schicksal bisher gut gemeint hat mit uns und sich die Kultur trotz ihrer naturgegebenen Fesseln über ihre jeweiligen Grenzen hinweg entwickelt hat?
    Ein gemäßigter Hedonismus täte uns sicher nicht schlecht; es muss erlaubt bleiben sich zu empören; aber dafür muss es inhaltlich gehaltvoll bleiben. Und deshalb steht die Frage nach der Gesellschaft in der ich leben will für mich sehr wohl auf der Agenda!
    Grüße,
    P. Schulze

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