KEIN Seitensprung: Von China lernen…

12. Juni 2018
Von

Jonas Reif, Buchautor, Redakteur der Zeitschrift „Gartenpraxis“ und Gemeindevertreter von Bündnis 90/Die Grünen  in Zeuthen, reiste beruflich Ende Mai nach China. Über seine Eindrücke und Rückschlüsse für die heimische (Kommunal-)Politik hat ihn Der Schulzendorfer befragt.

Wo genau waren Sie?

Jonas Reif: Der Startpunkt war Peking, der Rückflug erfolgte ab Chengdu im Roten Becken. Also etwa in der Mitte des Landes. Als Fortbewegungsmittel diente uns vor allem die Bahn – wahnsinnig schnell und immer pünktlich. Da wird man neidisch.

Wie empfanden Sie China?

Jonas Reif: Beeindruckend und beängstigend zugleich. Die Geschwindigkeit, in der man das Land nicht nur im Osten, sondern im ganzen Land umbaut, ist unglaublich. Man hat das Gefühl, dass das Land in 20 Jahren entstanden ist. Überall werden neue Städte, Autobahnen und Schienentrassen gebaut. Wenn man bedenkt, wie lange alles in Deutschland dauert… Wahnsinn.

Irgendwo zwischen Peking und Wuhan (Foto: Reif)

Irgendwo zwischen Peking und Wuhan (Foto: Reif)

Aber warum beängstigend?

Jonas Reif: Weil man natürlich weiß, dass ein derartiges Tempo nur möglich ist, wenn man auf nichts Rücksicht nehmen muss. Privateigentum, Interessen von Anwohnern und Folgen für die Umwelt spielen keine Rolle. Man greift massiv in die Landschaft ein und zerstört in den Städten die Vergangenheit. Von den traditionellen Hutongs, den eingeschossigen Wohnvierteln, ist in Peking nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen findet man jetzt landesweit dreißiggeschossige Wohnturmsiedlungen, die selbst Marzahn klein aussehen lassen. Man baut sogar Städte auf Vorrat.

Werden diese gebraucht?

Jonas Reif: Das kann ich nicht abschätzen. Der Trend in die Großstädte im Osten zu ziehen oder zumindest in eines der Förderzentren, wie es zum Beispiel Chongqing und Chengdu im Rotem Becken sind, ist jedenfalls ungebrochen. Der Dreischluchten-Staudamm, den ich ebenfalls besucht habe, ist gigantisch. Er bedurfte aber der Umsiedlung von mehreren Millionen Menschen. Und eine zunehmend modernere Landwirtschaft gibt immer weniger Menschen Lohn und Brot, so dass die junge Landbevölkerung in Städten ihr Glück sucht. Es sind Entwicklungen, die wir in Europa schon vor hundert Jahren durchgemacht haben.

Chengdu - eine moderne Millionenstadt im Zentrum Chinas (Foto: Reif)

Chengdu – eine moderne Millionenstadt im Zentrum Chinas (Foto: Reif)

Und was macht ihnen genau Angst?

Jonas Reif: Einerseits die Menge an Menschen: „Kleinstädte“ haben über eine Million Einwohner, Chengdu hat als Provinzhauptstadt 6,5 Mio. Bewohner und in den großen Städten im Osten leben weit mehr als 10 Millionen. Die starken Veränderungen sind nur möglich, weil die Chinesen auch vieles erdulden – in der Hoffnung, dass der Staat sein „Versprechen“ einhält.

Was hat es mit diesem „Versprechen“ auf sich?

Jonas Reif: Vereinfacht kann man sagen: Die Zukunft wird besser. Seit 1990 hat China – im Vergleich zu Deutschland – gigantische Wachstumszahlen. Fast alles ist jedoch durch Kredite finanziert. Alles geht gut, solange der Wachstumsmotor nicht stottert. 2016 legte das Bruttoinlandsprodukt „nur“ um 6,7 % zu, dass niedrigste Wachstum seit 26 Jahren. Vor allem in der Baubranche, die seit 1990 zu den wesentlichen Wachstumsbereichen gehörte, stockte es. In der Folge verdoppelte sich in Chengdu der Immobilienpreis innerhalb eines Jahres. Ein Quadratmeter Wohnung hat heute etwa Berliner Niveau. Selbst junge, gut ausgebildete Leute bekommen dann Schwierigkeiten, Wohnraum zu finden bzw. zu  finanzieren. Die Stimmung kann dann schnell kippen. China ist also auch in Zukunft auf hohes, fast schon radikales Wachstum angewiesen. Und wie schon zu erkennen ist, wird man dieses nicht nur durch die Binnennachfrage oder durch Exporte erzielen.

Müssen wir vor China Angst haben?

Jonas Reif: Angst hilft uns nicht weiter. China agiert national wie international wie ein strategisch handelnder, expandierender Konzern – nicht nur mit einseitigen Vorteilen. Etwas von dieser Mentalität würde uns sicherlich nicht schaden. Allerdings halte ich Deutschland für zu klein, um in der Liga Chinas mitzuspielen. Eigentlich bräuchte man jetzt ein geeinigtes Europa umso dringlicher… Wir müssen vor allem lernen, uns von bestimmten Dingen, die keine Zukunft mehr haben, schneller zu trennen und auf Zukunftsthemen setzen, etwa Elektromobilität, Erneuerbare Energien oder intelligente Stromvernetzung und -speicherung. Das Festhalten an Braunkohle oder den Diesel mag kurzfristig Arbeitsplätze erhalten, langfristig bewirkt es genau das Gegenteil.

Überall entstehen neue Städte mit Wohntürmen, Gewerbegebieten und zukunftsfähiger Infrastruktur (Foto: Reif)

Überall entstehen neue Städte mit Wohntürmen, Gewerbegebieten und zukunftsfähiger Infrastruktur (Foto: Reif)

Und auf kommunaler Ebene?

Jonas Reif: Wir müssen lösungsorientierter Denken und Handeln. Als gewählte Gemeindevertreter in Schulzendorf oder Zeuthen haben wir immer das Ziel, dass sich unser Ort, unsere Region bestmöglich entwickelt. Natürlich gibt es da unterschiedliche Ansichten, wie das genau geht.  Wir müssen noch mehr lernen, auch die Sichtweise des jeweils anderen zu verstehen und zu akzeptieren. Ziel muss immer ein gemeinsamer Nenner sein, mit dem die Mehrheit gut leben kann. In Deutschland ist es viel einfacher ein Projekt zu verhindern, als ein Projekt zu realisieren. Wir streiten uns gerne, häufig bis zur letzten Instanz vor Gericht. Das schadet unserer Gesellschaft enorm.

Dann machen Sie mal einen Vorschlag!

Jonas Reif: Vor ein paar Wochen haben Herr Damm und Herr Kolberg hier im Schulzendorfer ihre Pläne für neue Straßen östlich des Flughafens präsentiert, weil sie mit der BER-Eröffnung ein Verkehrschaos erwarten. Dabei würde auch viele Flächen neu versiegelt und sogar Naturschutzgebiete betroffen sein, also etwas, das Grüne normalerweise sofort auf die Barrikaden ruft.

Und das machen Sie jetzt nicht mehr?

Jonas Reif: Wichtig ist, dass wir frühzeitig miteinander ist Gespräch kommen und gemeinsam nach Lösungen suchen. Denn in zwei wesentlichen Dingen haben Damm und Kolberg Recht: Die Infrastruktur östlich des Flughafens kommt schon heute an seine Grenzen. Und Umgehungsstraßen würden die Menschen, die in Waltersdorf leben, von Lärm entlasten.

Und was machen Sie jetzt konkret?

Jonas Reif: Wir treffen uns mit Herrn Damm und lassen uns die einzelnen Bausteine des Konzepts genauer vorstellen. Wir werden natürlich auch Hinweise geben, welche Flächen wir für besonders schutzwürdig halten oder wo aus unserer Sicht Optimierungsbedarf besteht.

Sie lehnen also neuen Straßen rund um Waltersdorf nicht grundsätzlich ab?

Jonas Reif: Ich kann hier nur für mich sprechen, da wir uns Grün-intern erst einmal eine gemeinsame Meinung bilden müssen. Mir scheint es aber, dass unter den von Damm und Kolberg vorgeschlagenen Ideen auch welche sind, die man als Grüner gut unterstützen kann. Sicherlich muss man sich noch einmal genau ansehen, welche Maßnahme welche Auswirkung hat.

4 Responses to KEIN Seitensprung: Von China lernen…

  1. wildgans
    14. Juni 2018 at 14:19

    Und dann kam die Globalisierung…
    Solange man seine Kleidung aus Billiglohnländern erwirbt, massivst Benzin und Energie aus anderen Länder verbraucht, Regenwälder für den eigenen Fleischkonsum niederholzen lässt, immer nur billigste Waren kauft, die den halben Globus überquert haben, und auch immer schön die billigsten Lebensmittel erwirbt (soll ja bloß keiner mal fair bezahlt werden, aber man selbst natürlich schon) sollte man seine Kritik an der Globalisierung mal überdenken.
    Trifft vielleicht nicht alles auf sie, Herrn Knuffke zu…

    Und ja, ich mag lieber Windmühlen als diese ukrainischen oder japanischen Atommeiler und gesunden Menschenverstand beanspruche ich natürlich auch für mich.

  2. Frank Knuffke
    14. Juni 2018 at 14:01

    Hab gehört,die Grünen wollen Lastenfahrräder fördern….vermutlich als Ersatz für den Dieselmotor….gute Nacht Deutschland….

  3. Jonas Reif
    14. Juni 2018 at 07:18

    Auch das ist etwas, was wir verbessern müssen. Wir sollten optimistischer sein und nicht ständig alles nur negativ sehen. Deutschland wird nach wie vor international extrem positiv bewertet. Die Energiewende hat überall auf der Welt Nachahmung gefunden. Natürlich gibt es Dinge, die wir verbessern müssen und manches ist technisch noch nicht gelöst. Aber das ist doch ein Ansporn für unsere Wissenschaftler und Ingenieure. Die „Früher-war-alles-besser“-Mentalität bringt uns nicht weiter. Die Welt verändert sich (Stichwort Globalisierung) und wir werden nur bestehen, wenn wir uns selbst durch Veränderungen daran optimal anpassen.
    Uns geht es nach wie vor verdammt gut. Ich möchte in keinem anderen Land leben als in Deutschland.

  4. Frank Knuffke
    13. Juni 2018 at 17:50

    Nun ja,früher sind die Chinesen nach Deutschland gekommen um Ideen zu sammeln,aber nicht nur die Chinesen.Deutschland galt weltweit als Vorzeigemodell.Wirtschaft,Bildungswesen,Gesundheitswesen….und ja,wir waren auch eines der sichersten Länder der Welt….dann kam die Globalisierung,der Multi-Kultiwahn,der Gender-Irrsinn,das Toleranzgesülze und Windmühlen statt solider Kraftwerkstechnik.Linke Ideologie statt Fachwissen,Physik und gesundem Menschenverstand.Das was das links-grüne Irrsinn in unserem Land angerichtet hat,ist nur schwer reparabel,die Zeit wird knapp……

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